Zwei starke Player, ein Ziel: die Versorgungspartnerschaft zwischen ÖGIM und ÖGAM
"Freie Arztwahl oder Gatekeeping?" – diese Gegenüberstellung greift zu kurz, findet ÖGIM-Präsident Alexander Rosenkranz. Die eigentliche Frage sei eine andere: Wie gelingt eine intelligente, evidenzbasierte Patient:innensteuerung, die Menschen tatsächlich dorthin bringt, wo sie am besten versorgt sind?
Genau daran arbeiten die Österreichische Gesellschaft für Innere Medizin (ÖGIM) und die Österreichische Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin (ÖGAM), und zwar gemeinsam. Anfang 2026 wurde ein bemerkenswerter Meilenstein gesetzt.
Hinten (v.l.n.r.): Univ.-Prof. Dr. Alexander Rosenkranz (ÖGIM), Univ.-Prof.in Dr.in Alexandra Kautzky-Willer (ÖGIM), Dr. Anton Wankhammer (ÖGAM), Dr. Sebastian Huter (ÖGAM), Univ.-Prof. Dr. Thomas Scherer (ÖGIM), Dr. Stefan Traussnigg (BÖI)
Vorne (v.l.n.r.): Dr.in Susanne Rabady (ÖGAM), Univ.-Prof.in Dr.in Erika Zelko (ÖGAM), Dr.in Stephanie Poggenburg (ÖGAM), Prim.a Univ.-Prof.in Dr.in Patrizia Constantini-Kump (ÖGIM), Dr.in Martina Wölfl-Misak (BÖI)
Ein historischer Zusammenschluss
Am 25. Februar 2026 trafen sich Vertreter:innen beider Fachgesellschaften sowie des Berufsverbands Österreichischer Internisten (BÖI) erstmals zu einem gemeinsamen Workshop – mit dem Ziel, eine strukturierte Zusammenarbeit bei der Entwicklung von Patient:innenpfaden aufzubauen. Es war keine Selbstverständlichkeit: Allgemein- und Familienmedizin auf der einen, Innere Medizin mit ihren internistischen Sonderfächern auf der anderen Seite – zwei Versorgungsebenen, die im Alltag oft nebeneinander statt miteinander arbeiten. Zumindest kann dieser Eindruck bei Beobachter:innen des Systems entstehen.
Gut funktionierende Kommunikationswege zwischen einzelnen Akteur:innen auf beiden Seiten gibt es selbstverständlich auch, aber sie sind nicht vom System bedingt oder gefördert, sondern obliegen dem individuellen Engagement.
Ein langer Weg, der sich gelohnt hat
Im gemeinsamen Workshop zeigte sich schnell: Alle Beteiligten wollen im Grunde dasselbe – eine bessere, klarer strukturierte Versorgung für Patient:innen – und sind bereit, aktiv dafür zu arbeiten. Aus diesem Konsens entstand der Letter of Intent, den die Präsidien beider Gesellschaften, Dr. Peter Kowatsch (ÖGAM) und Univ.-Prof. Dr. Alexander Rosenkranz (ÖGIM), unterzeichnet haben. Rosenkranz brachte die Bedeutung dieses Schritts auf den Punkt: "Ein kleiner Schritt für zwei Fachgesellschaften – aber ein wichtiger Schritt für die Zukunft der Patient:innenversorgung in Österreich."
Klar getrennte Rollen, ein gemeinsames System
Der Letter of Intent beschreibt kein Konkurrenzverhältnis, sondern ein komplementäres: Die hausärztliche Primärversorgung übernimmt die koordinierende Funktion als erste Anlaufstelle, ordnet die gesundheitliche Situation ein und begleitet Patient:innen kontinuierlich. Fachärzt:innen der Inneren Medizin und ihrer Sonderfächer bringen ihre Expertise gezielt dort ein, wo eine vertiefte Abklärung oder Behandlung medizinisch notwendig ist – mit klarer Rückbindung an die hausärztliche Betreuung danach.
Diese Aufteilung soll künftig in gemeinsam entwickelten, evidenz- und leitlinienbasierten Patient:innenpfaden festgehalten werden. Ziel ist es, unnötige Doppeluntersuchungen zu vermeiden, Wartezeiten zu verkürzen und Notaufnahmen zu entlasten – ohne dabei starre Vorgaben zu schaffen. Wie Rosenkranz betont: Diese Pfade sind Orientierungshilfen, keine Zwangskorsette.
Warum das ganze System profitiert
Für das österreichische Gesundheitssystem ist diese Partnerschaft mehr als eine Absichtserklärung zwischen zwei Fachgesellschaften. Sie ist ein Signal, dass sich die beiden zentralen ambulanten Versorgungsebenen – Allgemeinmedizin und Innere Medizin – aktiv aufeinander zubewegen, statt in Grabenkämpfen zu verharren. Profitieren sollen davon alle Seiten: Ärzt:innen erhalten klarere Orientierung im Versorgungsalltag, das System gewinnt an Effizienz. Am meisten profitieren aber die Patient:innen selbst, für die eine gut koordinierte Versorgung am Ende zählt – nicht die Frage, welche Fachgesellschaft wofür zuständig ist.
Der Anfang, nicht das Ende
Der Letter of Intent ist ausdrücklich als Startpunkt gedacht, nicht als Abschluss. Die konkrete Ausarbeitung der Patient:innenpfade ist ein fachlicher Arbeits- und Entwicklungsprozess, der nun weitergeführt wird – im Austausch mit politischen Entscheidungsträger:innen, allen voran dem Gesundheitsministerium. Möglich gemacht hat diesen ersten Schritt die enge Zusammenarbeit von mehr als einem Dutzend Ärzt:innen beider Gesellschaften, die die Grundlage für den Letter of Intent erarbeitet haben.
Die Richtung ist damit vorgegeben. Eine Frage bleibt: Wie lässt sich die Zusammenarbeit zwischen Primärversorgung und spezialisierter Medizin weiter verbessern? Die ÖGIM wird gemeinsam mit der ÖGAM daran weiterarbeiten – wissenschaftlich fundiert und mit dem klaren Ziel einer besseren Versorgung für alle Menschen in Österreich.