Vom offenen Brief zum Positionspapier
Wie die Innere Medizin ihre Zukunft aktiv gestaltet
Die Herausforderungen für das österreichische Gesundheitssystem sind seit Jahren bekannt – doch selten waren sie so deutlich spürbar wie heute. Eine alternde Bevölkerung, steigende Krankheitslast und zunehmender Personalmangel stellen die medizinische Versorgung vor grundlegende Fragen. Besonders die Innere Medizin als tragende Säule der Patient:innenversorgung ist unmittelbar betroffen.
Vor diesem Hintergrund initiiere die ÖGIM gemeinsam mit dem Institut für Höhere Studien (IHS) eine Studie, um den Bedarf an Internist:innen bis 2035 zu eruieren. Das gestaltete sich jedoch schwieriger als gedacht.
Denn es mangelt in Österreich nicht an Ärzt:innen, wie oft behauptet wird. Aber durchaus an einigen Fachgebieten. Und an einer validen Datenbasis, aus der sich die Entwicklung von Erkrankungen oder die Anzahl von Fachärzt:innen ableiten lässt.
Also haben wir gemeinsam mit allen internistischen Sonderfachgesellschaften und dem Berufsverband Österreichischer Internisten (BÖI) Forderungen an die Entscheidungsträger:innen formuliert.
Und was mit einem offenen Brief begann, entwickelte sich zu einem umfassenden Positionspapier – und zu einem klaren Bekenntnis zur Verantwortung der Inneren Medizin für die Zukunft unseres Gesundheitssystems.
Ein erster Weckruf: Der offene Brief im Jahr 2024
Im Juni 2024 wandte sich die ÖGIM gemeinsam mit Partnerorganisationen mit einem offenen Brief an politische Entscheidungsträger:innen und die Öffentlichkeit. Ziel war es, auf die zunehmenden strukturellen Herausforderungen in der internistischen Versorgung aufmerksam zu machen.
Die Botschaft war deutlich: Wenn nicht rechtzeitig gegengesteuert wird, droht in den kommenden Jahren ein spürbarer Engpass in der medizinischen Versorgung. Prognosen zeigen, dass bis zum Jahr 2035 ein erheblicher Teil der internistischen Stellen nicht mehr ausreichend besetzt sein könnte. Gleichzeitig steigt der Bedarf an medizinischer Betreuung kontinuierlich.
Der offene Brief war daher kein kurzfristiger Appell, sondern ein bewusst gesetztes Signal – ein erster Schritt, um die Diskussion über die Zukunft der Inneren Medizin auf eine breitere Grundlage zu stellen.
Dialog statt Distanz: Gespräche mit der Politik
Der offene Brief blieb nicht ohne Resonanz. In den Monaten danach intensivierte die ÖGIM den Austausch mit politischen Entscheidungsträger:innen. Ein sichtbares Zeichen dafür war der Besuch bei Gesundheitsministerin Korinna Schumann im Oktober 2025.
Solche Gespräche sind mehr als symbolische Termine. Sie schaffen die Grundlage für Verständnis, Vertrauen und gemeinsame Lösungsansätze. Denn nachhaltige Veränderungen im Gesundheitssystem entstehen nicht im Alleingang, sondern im Dialog zwischen medizinischer Expertise und politischer Verantwortung.
Für die ÖGIM bedeutet dieser Austausch auch, die Perspektive der praktizierenden Internist:innen in die gesundheitspolitische Diskussion einzubringen – und damit die Realität des klinischen Alltags sichtbar zu machen.
ÖGIM-Präsident Alexander Rosenkranz und Generalsekretärin Patrizia Constantini-Kump mit Bundesministerin Korinna Schumann (Mitte).
Ein Meilenstein: Das Positionspapier 2025
Im Herbst 2025 wurde im Rahmen der Jahrestagung das Positionspapier der ÖGIM vorgestellt – als Ergebnis eines breit angelegten Abstimmungsprozesses innerhalb der internistischen Disziplinen.
Dieses Papier versteht sich ausdrücklich als Weiterentwicklung des offenen Briefs und formuliert konkrete strukturelle Empfehlungen für eine zukunftssichere Patient:innenversorgung. Im Mittelpunkt stehen dabei Fragen der Ausbildung, der Versorgungsorganisation und der Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Bereichen der Inneren Medizin.
Das Positionspapier ist damit nicht nur eine Analyse der aktuellen Situation, sondern vor allem ein Handlungsauftrag. Es zeigt auf, wie die Innere Medizin ihre zentrale Rolle im Gesundheitssystem auch in Zukunft erfüllen kann.
Zum PositionspapierVerantwortung übernehmen – gemeinsam gestalten
Die Entwicklung vom offenen Brief zum Positionspapier zeigt, wie standespolitisches Engagement in der Medizin funktionieren kann: aufmerksam machen, diskutieren, Lösungen entwickeln.
Dabei geht es nicht um Einzelinteressen, sondern um die Sicherstellung einer qualitativ hochwertigen Versorgung für Patient:innen in ganz Österreich. Die Innere Medizin übernimmt hier eine Schlüsselrolle – als Fachgebiet, das die Breite und Komplexität moderner Medizin abbildet und Patient:innen über lange Zeiträume begleitet.
Der Weg ist damit nicht abgeschlossen. Im Gegenteil: Das Positionspapier markiert einen wichtigen Meilenstein, aber auch den Beginn eines kontinuierlichen Prozesses.
Denn die Zukunft der medizinischen Versorgung entsteht nicht von selbst. Sie wird gestaltet – durch Engagement, Zusammenarbeit und klare Positionen.
Ausblick
Die kommenden Monate und Jahre werden zeigen, wie sich unsere vorgeschlagenen Maßnahmen in der Praxis umsetzen lassen. Klar ist schon jetzt: Die Innere Medizin hat ihre Stimme erhoben und Verantwortung übernommen.
Und genau darin liegt ihre Stärke.